Bissmann Leseprobe Wimmer
Stefan Wimmer: Der “Horror-Hoden”
„Die Werftgarantie liegt bei 90 Metern, aber wir können auch tiefer.
Irgendwann is’ natürlich Schluss, is’ klar! Dann hält der Druckkörper nicht mehr.
Dann wird das Boot vom Wasserdruck zerquetscht.“
Das Boot
Ich lehnte an der Mauer vor meinem Haus, rauchte eine Zigarette und sah der Gewitterwand nach, die mit letzten bedrohlichen Blitzen in den Ostteil von Mexiko City abdriftete – dorthin, wo die Ghettos lagen. Es war ein warmer Junimittag, die Luft roch nach Blattwerk, Waschmittellauge und Flieder, und durch den Rinnstein plätscherte glitzernd das graubraune Regenwasser, das die Gifte der Stadt in die Kanalisation spülte. Der Himmel riss auf, die Wolken zersteuten sich und gaben eine Sonne frei, die so strahlte wie in einem US-Bibelfilm. Der Nachmittag würde prächtig werden, doch ich hatte andere Sorgen – beispielsweise die vergangene Nacht.
Es war mal wieder eine Nacht gewesen, die – das durfte man ruhig so ausdrücken – noch länger im Gedächtnis haften bleiben würde: Frazetti, Gregorio und ich hatten uns im Centenario auf ein kurzes Bierchen getroffen, waren über diesem Bierchen wie üblich ins Reden gekommen und hatten weitere Bierchen nachfolgen lassen. Die Zeit verging wie im Flug, und irgendwann gegen eins, als Mario die Sperrstunde ausgerufen und die Eingangstür verriegelt hatte, erschien draußen am schmiedeeisernen Gitter des Fensters ein weißer Mexikaner Ende Vierzig, der mit seinem Schnurrbart, seinen buschigen Koteletten und seinem Cordsakko wie einer dieser gütigen, edlen Telenovela-Advokaten aussah, die verfolgte Jungfrauen vor Männern wie uns beschützten.
„Heh da, Jungs!“, zwitscherte der Mann durch die Gitterstäbe, und seine Stimme kam mir sofort eine Spur z u liebenswürdig, ja fast schon k r a n k h a f t freundlich vor. „Womit können wir dienen?“, fragte Frazetti und sah zum Fenster hoch. „Seid doch so nett und macht die Tür auf“, sagte der Mann verschmitzt, „ich möcht’ nur rasch was trinken!“ „Geht leider nicht!“, entgegnete Frazetti. „Der Geschäftsführer hat den Laden gerade dichtgemacht.“ „Jetzt stellt euch nicht so an!“, sagte der Mann – nun schon etwas schärfer. „Ich will ja bloß ein kurzes Bier!“ „Tut uns leid“, sagte Frazetti, „wir haben nicht mal den Schlüssel für die Tür.“ „Blödsinn, du Trottel!“, rief der Mann. „Dir ist wohl nicht klar, mit wem du sprichst!“ „Doch“, sagte Frazetti, „vermutlich mit einem ziemlichen Großmaul, das keine Manieren hat.“
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